Wichtiges zum Thema Computerspielsucht PDF Drucken E-Mail

 

Das Institut zur Förderung von Medienkompetenz "Spielraum" der Fachhochschule Köln beschreibt unter der Rubrik "Wirkunsfragen" wissenswertes zum Thema: Vom exzessiven Spiel zur Sucht

 


 

Die neue Studie des kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen e.V. gibt Auskunft über die "Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter".

 


 

Im weiteren ein Auszug aus einem Interview mit Klaus Wölfling, psychologischer Leiter der Ambulanz für Spielsucht in Mainz über "Wie Eltern erkennen, ob ihr Kind spielsüchtig ist und was sie dagegen tun können":

Welches Suchtpotenzial hat World of Warcraft (WoW)?

Online-Rollenspiele wie zum Beispiel WoW vermitteln eine sehr hohe soziale Einbindung. Die Spieler organisieren sich in Gilden. Die meisten Rollenspiele sind so angelegt, dass bestimmte Aufgaben, die für das Weiterkommen nötig sind, nicht allein bewältigt werden können, so dass die Spieler aufeinander angewiesen sind. Die sozialen Bindungen im Spiel erzeugen Verpflichtungen und auch Angst, etwas zu versäumen. In der virtuellen Gruppe erhalten die Spieler einen Status, der ihr Ego bestärkt. Häufig haben die Spieler in der realen Welt Probleme mit sozialen Bindungen oder sie fühlen sich einsam. Im Rollenspiel können sie ihre Persönlichkeit in Gestalt von Avataren (Spielfiguren) neu erfinden.

 

Online-Rollenspieler sind oft nachts aktiv. Woran liegt das?

Das Spiel wird weltweit gespielt – in unterschiedlichen Zeitzonen. Je nachdem, mit wem sich die Spieler verabreden, stellen Rollenspieler den Wecker auch schon mal auf nachts um drei und beginnen dann zu spielen.

 

Was können Eltern tun, deren Kind vom Computer nicht mehr wegzukriegen ist?

Sie sollten klare Grenzen setzen, das funktioniert jedoch besser bei jüngeren Kindern. Eltern sollten sich auf jeden Fall damit beschäftigen, was ihr Kind am PC macht. Dann kommen auch wieder Gespräche in Gang, zum Beispiel auch darüber, was Jugendliche an diesen Spielen eigentlich so toll finden. Eltern sollten möglichst viel Zeit mit den Kindern verbringen und attraktive Alternativen zum Computer anbieten, Wochenenden und Feiertage gemeinsam planen. Auch mal was machen, was sie eigentlich selbst nicht wollen.

 

Welche Symptome entwickeln Rollenspielsüchtige?

Dabei laufen im Gehirn ähnliche Mechanismen ab wie etwa bei Alkoholikern. Die Jugendlichen haben ein unwiderstehliches Verlangen danach, am Computer zu spielen. Sie können nicht mehr damit aufhören und spielen von Mal zu Mal länger, oft mehr als 35 Stunden pro Woche. Sie leiden unter Entzugserscheinungen wie Nervosität, Unruhe oder Schlafstörungen, wenn sie nicht spielen können. Wenn Eltern etwa den Stecker ziehen oder den Strom abdrehen, kann es sein, dass die Kinder oder Jugendlichen regelrecht ausflippen. Manchmal kommt es auch zu verbaler oder körperlicher Gewalt. Freunde und Familie werden vernachlässigt, die Spieler ziehen sich völlig zurück, auch andere Hobbys werden nicht mehr ausgeübt.

 

Was ist eigentlich, wenn die Computerspielsucht schon seit Jahren besteht?

Dann ist professionelle Hilfe dringend angeraten, zum Beispiel kann man sich an Suchtberatungsstellen, Suchtkliniken oder -ambulanzen wenden. Wir haben eine bundesweite Hotline für Erstgespräche eingerichtet – Telefon 01801/529529 (Montag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr).

 

Ist Rollenspielsucht heilbar?

Eine verhaltenstherapeutische Gruppentherapie kann hilfreich sein, sie stärkt wieder die sozialen Kontakte in der realen Welt und deckt die hinter dem exzessiven Spielverhalten liegenden Motivationen auf. Klar ist aber auch, wenn sich Betroffene nicht ändern wollen, kann man sie mit einer Psychotherapie auch nicht dazu zwingen. Ein gewisser Leidensdruck muss als Voraussetzung vorhanden sein. Das ist bei Kindern und Jugendlichen oft schwierig, weil sie von den Eltern alle Unterstützung bekommen, die sie brauchen.


Interview mit Klaus Wölfling: " Der Computer wird zum Lebensinhalt" aus der Zeitschrift "Arbeit und Gesundheit" 7/2009

 

Herr Wölfling, wie helfen Sie den Betroffenen?

Wir therapieren in der Gruppe. Dort können sich die Betroffenen austauschen und Rückhalt finden. Zusätzlich analysieren wir genau das individuelle Spielverhalten und den körperlichen Zustand. In Einzelgesprächen erfahren wir mehr über das soziale Umfeld - Freunde und Familie. Dabei hinterfragen wir, welche Emotionen und Motivationen eine Rolle spielen. Mannschaftssportarten wie Fußball oder alltägliche Tätigkeiten wie Kochen sollen den Patienten in die Realität zurückholen. Gemeinsame Unternehmungen wie Wandern geben Anreize, die Zeit sinnvoller zu nutzen. Vernachlässigte Hobbys oder soziale Kontakte sollen wiederentdeckt werden. Hauptziel ist,die Spielzeit stark zu reduzieren.

 

Kann Computerspielen wirklich süchtig machen?

Eindeutig ja. Abhängigkeit verbinden die meisten Leute mit sogenannten stoffgebunden Süchten, zum Beispiel Alkohol, Medikamenten oder illegalen Stoffen wie Kokain. Aber auch stoffungebunden Phänomene wie Computerspiele, Einkaufen und Glücksspiel können süchtig machen und das Gehirn und die Persönlichkeit eines Menschen verändern. Es handelt sich um eine Krankheit, die aber immer noch nicht definiert und anerkannt ist. Doch Fakt ist, dass die Jugendlichen zwanghaft spielen und bei Verbot Entzugserscheinungen haben: ihr Herz fängt an zu rasen und Schweiß bildet sich auf der Stirn. 

 

Wie viele Stunden spielen die Betroffenen durchschnittlich?

Einer Befragung von 540 Nutzern des Rollenspiels "Everquest" zufolge kommen die Spieler auf durchsschnittlich 25 Stunden in der Woche. "Everquest" ist eines der meist frequentierten und MMORPGs (Massive Multiplayer Online Role Play Games) weltweit. 4 % der Befragten gaben sogar an, über 50 Stunden zu spielen. Das ist mehr Zeit, als viele Berufstätige für ihre Arbeit aufwenden. 

 

Ab wann wird Computerkonsum zum Problem?

Wenn der Nutzer nicht mehr über Beginn, Beendigung und Dauer der Anwendung entscheiden kann und ein unwiderstehliches Verlangen spürt, dem er nachkommen muss. Die Betroffenen spielen immer häufiger. Der Computer und das Spiel werden zum Lebensinhalt.

 

Wie sollten Angehörige und Freunde reagieren, wenn sie merken, dass ein Freund oder ein Familienmitglied in die Sucht abdriftet?

 

Angehörige sollten das Thema ganz offen ansprechen - vor allem ohne Vorwürfe. Viele der Betroffenen trauen sich nämlich nicht, über ihre Probleme zu reden und leiden darunter. Sie fangen an zu lügen und es bauen sich Spannungen auf. Angehörige und Freunde sollten den Betroffenen sagen, was sie beobachten und was sie selbst empfinden. Beispielsweise das sie es sehr bedauern, dass dieser keine Zeit mehr für sie hat. Der konkrete Wille, etwas zu ändern und professionelle Hilfe anzunehmen, muss allerdings von dem Betroffenen selbst kommen. Wir hier in der Ambulanz können nur helfen, wenn es der Abhängige selbst will und freiwillig zu uns kommt.